
Juan Suaréz, Journalist, Inselchronist und Medienpartner von IBIZA LIVE REPORT, schreibt heute in der Tageszeitung Diario de Ibiza über Tanit, eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Insel.
Tanit wurde 1945 als Ferdinand Guy Jocelyn auf einem Schiff vor Martinique geboren. Er war Hippie, Barkeeper, Tänzer, Organisator, Entertainer und vor allem ein Freigeist, der für viele die Essenz des alten Ibiza verkörperte. Heute verbringt er seine letzten Tage in der Clínica del Rosario auf Ibiza. Die Ärzte haben bei ihm einen unheilbaren Krebs im Endstadium diagnostiziert. Dennoch begegnet er seinem Schicksal mit bemerkenswerter Ruhe. „Ich habe dem Arzt alles entlockt, was er wusste. Er sagte mir, dass ich einen fortgeschrittenen und unheilbaren Krebs habe. Ich möchte weder Chemotherapie noch Morphium. Ich werde meine letzten Tage so verbringen, wie ich mein ganzes Leben gelebt habe – umgeben von Freundschaft und Zuneigung“, sagt er. Das Krankenhaus empfindet er nicht als traurigen Ort: „Für mich ist es wie ein Fünf-Sterne-Hotel. Man kümmert sich um mich und ich bekomme viele Besuche von Freunden.“
Tanit stammt aus einer außergewöhnlichen Familie. Sein Großvater war ein amerikanischer Apache, sein Vater Franzose, seine Mutter Vietnamesin. Die Familie gehörte zum Landadel von Martinique. Dass er auf einem Schiff geboren wurde, betrachtet er bis heute als Symbol seines Lebens: Grenzen hätten für ihn nie eine Rolle gespielt, sondern nur die Menschlichkeit. Als er nach Ibiza kam, fand er genau das, wonach er gesucht hatte – Freiheit. „Ibiza hat mir alles gegeben“, erinnert er sich. „Die Freiheit, die Federn, die Dreadlocks. Die Insel hat mich zu meinen Wurzeln zurückgeführt und mir erlaubt, so zu leben, wie ich wollte. Die Göttin Tanit gab mir ihren Namen. Mein Vater ist die Sonne, meine Mutter der Mond, und ich bin ein freier, wandernder Stern am Firmament.“ Diese Philosophie prägte sein gesamtes Leben auf der Insel.
Über Jahrzehnte gehörte Tanit zum Inselbild. Barfuß, mit Lendenschurz, langen Dreadlocks und Federschmuck zog er durch die Strände und Straßen Ibizas. Für festliche Anlässe trug er einen gelben Anzug aus Wildleder, der ebenso auffällig wie unverwechselbar war. Sein Markenzeichen waren sein ewiges Lächeln und seine Tänze, die an die Bewegungen der amerikanischen Apachen erinnerten. Der sportliche Lebensstil spielte für ihn immer eine wichtige Rolle. Er fuhr überall mit dem Fahrrad hin, lief barfuß und war ein leidenschaftlicher Beachtennis-Spieler an der Playa de ses Salines. Besonders stolz erzählt er, dass er oft rückwärts am Strand lief. „Das hielt meinen Hintern fest und schön“, sagt er lachend. Seine Erscheinung wurde zu einem echten Markenzeichen des alten Ibiza.
Zu seinen schönsten Erinnerungen zählt die Eröffnung des Amnesia. „Als wir mit Proncho mitten auf dem Land das Amnesia eröffneten und eine Bar aufgebauten, die mich sieben Millionen Peseten gekostet hat – für die Freunde; das war einer der glücklichsten Momente meines Lebens.“ Ein weiteres unvergessliches Erlebnis war die Begegnung mit Bob Marley beim legendären Konzert in der Stierkampfarena von Ibiza. „Bob rief mich an und bat mich vor dem Konzert um Marihuana. Es war eine schamanische Begegnung. Ich liebe Reggae und wir hatten eine fantastische Zeit. Bob Marley war einzigartig, ein universeller Künstler mit göttlicher Inspiration. Er war weit mehr als ein Musiker – er hat die Art verändert, wie Menschen das Leben verstehen.“ Tanit versprach Marley damals, bis zu seinem Tod eine Dreadlock-Strähne zu Ehren des Musikers zu tragen. Dieses Versprechen hat er gehalten.
Die Erinnerungen an diese Zeit gehören zu den wertvollsten Momenten seines Lebens.
Nach seiner Zeit im Amnesia arbeitete Tanit im legendären Ku. Dort betrieb er eine Bar neben dem Künstlerbereich und der berühmten Wasserrutsche. „Ich habe dort viele außergewöhnliche Menschen und Künstler kennengelernt.“ Später wechselte er ins Keeper und schließlich ins Malibu an der Playa de ses Salines. Dort verbrachte er viele Jahre unter freiem Himmel. „Ich lernte große Sportler und Fußball-Weltmeister kennen. Es war eine besondere Zeit voller Freiheit, Meer, Bewegung und Sonne.“ Eine enge Freundschaft verband ihn mit der bekannten Persönlichkeit Pocholo Martínez Bordiú. „Er ist ein echter Freund und hat mir in schwierigen Zeiten geholfen. Pocholo ist authentisch, er lügt nie und ist einzigartig.“ Über ihn lernte Tanit auch Doña Pilar kennen. Gemeinsam organisierten sie auf Ibiza eine Wohltätigkeitsveranstaltung für Kinder ohne Grenzen. Später wurde er nach Madrid eingeladen. Dort sorgte sein Erscheinungsbild für Aufsehen. „Ich kam mit meinem Lendenschurz, den Federn und barfuß am Flughafen an. Die Polizei wollte mich nicht durch die Kontrolle lassen. Erst nachdem Doña Pilar eingegriffen hatte, durfte ich passieren.“ Diese Freundschaften und außergewöhnlichen Begegnungen prägten sein Leben.
Während seiner mehr als fünf Jahrzehnte auf Ibiza sammelte Tanit unzählige Geschichten. Er erinnert sich an die frühen Jahre der Insel, an Hunderte Bekanntschaften und Liebschaften. „Damals ließen die Bauern ihre Töchter nicht einfach mit Hippies ausgehen. Wenn man sich nicht korrekt verhielt, konnte das ernsthafte Folgen haben.“ Auch Drogen spielten im Nachtleben jener Jahre eine Rolle. „Ich habe die Freiheit der Pillen erlebt, aber lieber war mir immer ein Joint.“
Neben den vielen glücklichen Momenten musste er jedoch auch schwere persönliche Schicksalsschläge verkraften. Über seine Familie spricht er mit sichtbarer Traurigkeit. „Mit meiner Frau Marianne hatte ich einen Adoptivsohn namens Vicent. Ich habe ihn seit langer Zeit nicht gesehen und hoffe, ihn noch zu erkennen, wenn er mich besucht. Mein jüngerer Sohn Tanit gilt derzeit als verschwunden.“ Diese Sorgen begleiten ihn bis heute.
Für viele Menschen bleibt Tanit jedoch vor allem das Symbol eines vergangenen Ibiza. Der Musikproduzent Pino Sagliocco beschreibt ihn als „das ewige Lächeln Ibizas“. Tanit habe Generationen von Besuchern dazu gebracht, sich in die Insel zu verlieben. Er sei wegen seines Respekts gegenüber Kultur und Traditionen sowie seines Umgangs mit allen Menschen gleichermaßen geschätzt worden – unabhängig von deren sozialem Status. „Er wird für seine Ehrlichkeit und seine Art geliebt. Tanit ist der letzte Hippie, der die wahre Seele der Insel, ihrer Strände und ihrer einzigartigen Landschaft verkörpert.“ Nun verabschiedet sich eine der schillerndsten Figuren Ibizas von der Bühne des Lebens. Doch bis zuletzt bleibt Tanit seiner Lebensphilosophie treu: frei, lächelnd und umgeben von Freunden.












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