
Das Mittelmeer füllt sich zunehmend mit tropischen Fischarten, darunter auch giftige Arten, die ursprünglich aus dem Roten Meer stammen. Wissenschaftler schlagen Alarm: Die rasche Erwärmung des Wassers verändert die Ökosysteme grundlegend. Wie die Tageszeitung Diario de Ibiza unter Berufung auf eine Recherche der Nachrichtenagentur AFP informiert, ist diese Entwicklung besonders im östlichen Mittelmeer bereits deutlich sichtbar.
Murat Draman, Tauchlehrer an der Küste der türkischen Provinz Antalya, erlebte in diesem Sommer mehrfach Wassertemperaturen von fast 30 Grad Celsius – selbst in 30 Metern Tiefe. Solche Werte seien früher völlig unüblich gewesen und zeigten die schnelle „Tropikalisierung“ des Mittelmeers. Angetrieben durch die steigenden Temperaturen wandern inzwischen Hunderte Arten aus dem Roten Meer über den Suezkanal ins östliche Mittelmeer ein. Dieser Prozess bringt die ökologischen Gleichgewichte massiv durcheinander. Besonders problematisch ist die Ausbreitung des hochgiftigen Rotfeuerfischs, der sich in den warmen Gewässern zunehmend wohlfühlt. Vor etwa zehn Jahren seien bei einem Tauchgang ein oder zwei Exemplare zu sehen gewesen, heute dagegen 15 bis 20 Tiere pro Tauchgang – teilweise sogar mehr als im Roten Meer selbst. Der auffällig gemusterte Fisch mit seinen langen Flossen erreicht eine Länge von rund 26 Zentimetern und zählt zu den effizienten Räubern, die vor allem kleinere heimische Fischarten stark dezimieren. Arten wie Grundeln seien in manchen Gebieten bereits kaum noch anzutreffen.
Nach Einschätzung des Meeresbiologen Gil Rilov vom israelischen Institut für ozeanografische und limnologische Forschung handelt es sich um eine ernsthafte Warnung. Das östliche Mittelmeer sei der am stärksten erwärmte Teil des Meeres – und das, was dort geschehe, werde sich mittelfristig auch im westlichen Mittelmeer wiederholen. Die erste große Einwanderungswelle begann bereits nach der Öffnung des Suezkanals im Jahr 1869. Doch durch die Vertiefung und Verbreiterung des Kanals im Jahr 2015 sowie die anhaltende Erwärmung erreichten heute jedes Jahr noch mehr neue Arten das Mittelmeer. Ein weiteres Beispiel ist der sogenannte Hasenfisch, der inzwischen sogar Gewässer rund um Malta erreicht hat – mehr als 1.700 Kilometer vom Suezkanal entfernt.
Laut Daten des Forschungszentrums Mercator Ocean International erlebte das Mittelmeer in diesem Jahr den heißesten Juli seit Beginn der Aufzeichnungen. Die durchschnittliche Oberflächentemperatur lag bei 26,68 Grad Celsius. Studien zufolge könnte sich dieser Prozess weiter beschleunigen. Im schlimmsten Fall drohe dem Mittelmeer bis zum Jahr 2100 eine vollständige Tropikalisierung. Bereits bis 2050 könnten – selbst bei moderaten Klimaszenarien – zusätzliche Arten aus dem Atlantik in den westlichen Mittelmeerraum vordringen. Ein zentrales Problem sei zudem das Fehlen natürlicher Fressfeinde. Während der Rotfeuerfisch im Roten Meer von Haien oder Barrakudas reguliert werde, existierten solche Gegenspieler im Mittelmeer kaum. Dadurch könnten sich invasive Arten ungehindert vermehren. Um die Biodiversität zu schützen, fordern Experten, invasive Arten möglichst fern von Meeresschutzgebieten zu halten. Die Entwicklungen im östlichen Mittelmeer gelten dabei als Vorbote dessen, was anderen Regionen noch bevorstehen könnte.















