
Am Vormittag des 7. Juli 1930 verwandelte sich Ibiza innerhalb weniger Stunden in eine überflutete Insel. Gegen Mittag reichte das Wasser bis zum Stadteingang von Vila – von der damaligen Straße nach Sant Joan, der heutigen Avenida de Santa Eulària, bis zum Elektrizitätswerk. Die Tageszeitung Diario de Ibiza zeichnet heute in einem ausführlichen historischen Bericht die dramatischen Ereignisse nach.
Bereits im Juni hatten schwere Unwetter andere spanische Städte getroffen: Burgos, Madrid, Sevilla oder Málaga meldeten massive Schäden durch übertretende Flüsse. Auch in Valencia kam es wiederholt zu Überschwemmungen. Auf Ibiza erinnerten sich die Älteren noch an die Flut von 1888. Doch was im Juli 1930 folgte, übertraf viele Befürchtungen. In Ibiza war bereits am 13. Juni war von ungewöhnlich stürmischen Wetter die Rede. Straßen in sa Penya standen damals bereits unter Wasser. Am 7. Juli entlud sich schließlich eine gewaltige Sturzflut, die laut Zeitzeugen „so noch nie gesehen“ worden sei.
Ab etwa 10 Uhr morgens schossen Wassermassen durch die Straßen von Vila. Besonders betroffen waren es Pratet, ses Feixes, der Bereich des heutigen Eixample sowie landwirtschaftliche Flächen rund um Jesús. In einigen Zonen stand das Wasser bis zu 1,5 Meter hoch. Die Hafenbucht färbte sich rotbraun; Treibgut wie Holz, Kohle, Weizenbündel und zum Trocknen ausgelegte Aprikosen schwammen im Hafen.
Mehr als 25 Boote waren im Einsatz, um Menschen und Tiere zu retten. Frauen wurden evakuiert, Vieh auf Hausdächer getrieben. Ein Esel ertrank, seine Besitzerin konnte gerettet werden. In ses Feixes bewegten sich Boote wie auf einem See. Schließlich öffnete man gezielt Durchbrüche in der Straßenmauer, damit das Wasser ins Meer abfließen konnte. Gegen 17 Uhr ließ das Unwetter nach. Zunächst glaubte man, es habe keine Todesopfer gegeben. Doch am Abend erreichte die Nachricht die Insel, dass auf Formentera ein Mann ertrunken war, als sein Boot von den Wassermassen überrascht wurde.
Bürgermeister Manuel A. Escandell Ferrer informierte den Gouverneur per Telegramm: „Ibiza ist komplett überflutet. Die Ernte ist vernichtet.“ Kurz darauf begann die systematische Erfassung der Schäden. Eigentümer, Pächter und Landarbeiter mussten ihre Verluste zwischen dem 9. und 15. Juli melden. Eine Kommission prüfte die Angaben, um Übertreibungen zu vermeiden. Die endgültig ermittelte Schadenssumme belief sich auf 50.940,50 Peseten (heute inflationsbereinigt schätzungsweise rund 150.000 Euro) – für die damalige Zeit ein enormer Betrag. Viele Familien verloren Ernten, Vieh, Werkzeuge und Mauern ihrer Felder. Besonders die tiefer gelegenen landwirtschaftlichen Flächen waren verwüstet. Zur Vermeidung von Seuchen verbrannten oder vergruben städtische Brigaden tote Tiere. Hilfsmaßnahmen wurden eingeleitet, auch mit Unterstützung von Guardia Civil, Militär und Rotem Kreuz.
Die Katastrophe traf eine Insel im Wandel. 1930 lebten auf Ibiza 28.646 Menschen, auf Formentera 2.929. Das Bevölkerungswachstum lag deutlich über dem Durchschnitt der Balearen. Gleichzeitig war die Sterblichkeitsrate hoch, insbesondere bei Kindern unter zwei Jahren. Viele Männer arbeiteten im Ausland, vor allem in Algerien oder in Amerika. Ohne diese Emigration hätte die Insel über 3.000 Einwohner mehr gezählt. Auch wirtschaftlich war die Lage fragil. Die Preise für Grundnahrungsmittel waren staatlich reguliert. Bereits geringe Ernteausfälle konnten daher massive Auswirkungen auf die Versorgung haben. Fleisch, Brot oder Milch wurden zeitweise vom Markt genommen, wenn sie hygienischen Anforderungen nicht entsprachen. Parallel zur Flut kämpften die Pityusen mit einer Masern-Epidemie, später traten erneut Diphtheriefälle auf.
Dennoch gab es 1930 auch Positives: Die Bank Caixa de Pensions eröffnete auf Ibiza, der Podenco Ibicenco wurde offiziell anerkannt, und erste Filmaufnahmen entstanden auf der Insel. Im Jahr 1930 war Manuel A. Escandell Ferrer Bürgermeister von Vila. In jenem Jahr, das den Beginn eines neuen Jahrzehnts markierte, erschien erstmals das Telefonverzeichnis der Balearen. Ein Telefon zu besitzen war damals jedoch ein Luxus, den sich nur sehr wenige Bürger leisten konnten.
Die Überschwemmung vom Juli 1930 bleibt eine der einschneidendsten Naturkatastrophen der Inselgeschichte, so die Tageszeitung. Sie zeige, wie verletzlich Ibiza gegenüber extremen Wetterereignissen ist – und erinnert daran, dass solche Phänomene kein modernes Novum seien.












