
Was über Jahrhunderte auf Ibiza und Formentera zum Alltag gehörte, ist heute fast nur noch Teil der Erinnerungskultur. Die traditionelle „Matanza“, die Schlachtung des Schweins im Familienkreis, war einst ein zentrales Ereignis des ländlichen Lebens und sicherte vielen Familien in Zeiten von Hunger und Entbehrung das Überleben. Der Autor Miguel Ángel González beschreibt heute in der Tageszeitung Diario de Ibiza eindrücklich, wie stark dieses Ritual früher mit festen Abläufen, Symbolik und Gemeinschaft verbunden war. Nach der katalanischen Eroberung von 1235 verbreitete sich die Schweineschlachtung auf den Inseln und wurde ab dem 15. Jahrhundert und zu einem festen Bestandteil der bäuerlichen Kultur.
Vor allem in den 1960er Jahren, an die sich der Autor erinnert, sei die religiöse Bedeutung zwar bereits weitgehend verschwunden gewesen, doch viele Rituale und traditionelle Abläufe seien erhalten geblieben. Geschlachtet wurde möglichst an einem Freitag und bei Neumond, da dies nach altem Glauben Glück und eine gute Verarbeitung des Fleisches versprach. Vor der Schlachtung wurden die Werkzeuge und Gefäße gründlich gereinigt. Eine zentrale Figur war der sogenannte „Matancer“, der erfahrene Schlachter, der darauf achtete, dass jeder Schritt exakt ausgeführt wurde. Familienmitglieder, Nachbarn und Freunde kamen zusammen und arbeiteten gemeinsam. Jeder hatte seine feste Aufgabe. Frauen erhitzten Wasser in großen Kesseln, bereiteten Därme und Gewürze vor oder rührten das frische Blut um, damit es nicht gerann. Männer holten das Schwein aus dem Stall und brachten es zur Schlachtbank. Das Schwein wurde mit einem Haken an der Schnauze aus dem Gehege gezogen. Wenn sich das Tier wehrte, banden die Männer die Hinterbeine zusammen und zogen es über den Hof. Der Autor erinnert sich an die lauten Schreie und das angespannte Schweigen der Beteiligten kurz vor der Schlachtung.
Auf der hölzernen Schlachtbank wurde dem Tier schließlich die Kehle durchgeschnitten. Das warme Blut floss in eine Schüssel, während eine Frau es ständig umrührte. Danach wurde das Schwein mit heißem Wasser übergossen und die Borsten mit brennenden Zweigen oder später mit einem Brenner entfernt. Anschließend kratzte man die Haut sauber, trennte Kopf und Beine ab und öffnete den Körper, um Fleisch, Fett und Innereien weiterzuverarbeiten. Aus dem Schwein entstanden Sobrasada, Butifarra, Butifarrón und andere traditionelle Produkte, die Familien oft über viele Monate versorgten. Die Därme wurden sorgfältig mit heißem Wasser sowie Zitronen oder sauren Orangen gereinigt, bevor sie für die Würste verwendet wurden. Trotz der Härte dieser Szenen erkennt der Autor rückblickend auch eine gewisse Würde in den Abläufen. Für viele Familien sei die „Matanza“ nicht nur Arbeit gewesen, sondern ein gemeinschaftliches Ereignis mit festen Regeln, Respekt vor dem Tier und einer tiefen Verbindung zur bäuerlichen Kultur der Insel.















