
Angesichts der dramatischen Wohnungsnot auf Ibiza wird in der Tageszeitung Periódico de Ibiza y Formentera über eine neue, bislang undenkbare Option berichtet: Der Präsident des Consell d’Eivissa, Vicent Marí, bringt eine vorübergehende Aussetzung des freien Wohnungsbaus ins Spiel – zumindest so lange, bis das Recht auf Wohnraum für alle Bewohner der Insel garantiert sei. Die Lage auf dem Wohnungsmarkt gilt als so angespannt, dass bisherige Maßnahmen kaum Wirkung gezeigt haben. Freier Wohnraum sei faktisch fast ausschließlich für ausländische Käufer erreichbar, während öffentlich geförderte Wohnungen an lange Fristen gebunden sind. Vor diesem Hintergrund, so Marí, reichten halbe Lösungen nicht mehr aus. Die Insel sei endlich und könne nicht unbegrenzt wachsen – weder räumlich noch bevölkerungsmäßig.
Nach Einschätzung des Präsidenten sollten künftig möglicherweise nur noch Wohnungen mit einem gewissen Schutzstatus gebaut werden, etwa Sozialwohnungen oder Immobilien mit gedeckelten Preisen. Der freie Wohnungsbau müsse zumindest gebremst oder vorübergehend gestoppt werden, solange die Wohnraumversorgung der ansässigen Bevölkerung nicht gesichert sei. Marí warnt zudem vor langfristigen Folgen für die Insel. Ibiza lebe zwar vom Tourismus, verliere aber ihr Wesen, ihre Wurzeln und ihr Umfeld, wenn die Wohnungsfrage weiter eskaliere. Dann, so seine Mahnung, werde es am Ende zwar genug Wohnungen geben – aber keine Menschen mehr, die hier leben könnten.
Wie die Tageszeitung weiter berichtet, sieht Marí einen engen Zusammenhang zwischen Tourismusdruck und Wohnungsnot. Ziel müsse ein tragfähiges Gleichgewicht zwischen Besuchern und Einheimischen sein, damit Familien auf der Insel bleiben und ihre Kinder dort eine Zukunft haben können. Andernfalls verarme Ibiza schleichend – sozial und strukturell. Besonders kritisch sei die Situation auch für den öffentlichen Dienst. Ohne bezahlbaren Wohnraum drohe ein Mangel an Polizisten, Guardia Civil, Ärzten und Lehrkräften. Schon heute habe die Verwaltung Schwierigkeiten, Personal für grundlegende Dienstleistungen zu gewinnen. Der Präsident betont jedoch, dass es sich bislang lediglich um eine Überlegung handle. Dennoch sei es notwendig, auch ungewöhnliche und mutige Lösungen zu diskutieren. Maßnahmen, die auf dem spanischen Festland funktionierten, ließen sich nicht automatisch auf Ibiza übertragen. Die Insel leide unter hoher demografischer Belastung, starker Saisonalität und strukturellen Besonderheiten. Sein Fazit: Grenzen setzen, den Kurs ändern und Nachhaltigkeit nicht nur als Schlagwort verwenden, sondern als reale Leitlinie – auch wenn dies Opfer und unbequeme Entscheidungen erfordere.
Die Überlegungen des Consell stoßen jedoch auf deutliche Ablehnung bei Bauunternehmen und Architekten. In der Tageszeitung weist die Präsidentin des Bauunternehmerverbandes der Pimeef, Consuelo Antúnez, die Idee einer Moratoriumsregelung für den freien Wohnungsbau zurück. Sie hält eine solche Maßnahme für rechtlich schwer umsetzbar und bezweifelt, dass sie zur Lösung der Wohnungsnot beitragen könne.
Antúnez zeigte sich überrascht über den Vorstoß und bezeichnete ihn als zwar kreativ, dessen tatsächliche Wirkung jedoch fraglich sei. Das Kernproblem liege ihrer Ansicht nach weniger im Mangel an Wohnungen als vielmehr im Mangel an Bauland und vor allem in dessen hohem Preisniveau. Ein Baugrundstück für 1,6 Millionen Euro lasse sich wirtschaftlich nur realisieren, wenn die entstehenden Wohnungen zu Preisen von mindestens 600.000 Euro verkauft würden – für die meisten Inselbewohner unerschwinglich. Die Bauunternehmer plädieren daher für eine Freigabe zusätzlichen Baulands, um die Voraussetzungen für bezahlbareren Wohnraum zu schaffen.
Auch der Präsident der pitiusanischen Kammer der Architekten der Balearen, Lluís Oliva, äußerte sich kritisch gegenüber einer Aussetzung des freien Wohnungsbaus. Er sprach sich stattdessen für alternative Maßnahmen aus, etwa den Bau von geschütztem Wohnraum in Übergangszonen – eine Möglichkeit, die bereits vom Parlament beschlossen worden sei, bislang jedoch von keinem Rathaus auf Ibiza umgesetzt werde. Oliva warnte zudem davor, dass ein Baustopp die Investitionen bremsen und die Spekulation weiter anheizen könnte. Nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage würden die Preise weiter steigen, wenn weniger gebaut werde. Wer bereits über eine Baugenehmigung verfüge, besitze dann einen erheblichen Vorteil. Zugleich kritisierte er die langsamen Verwaltungsverfahren und forderte deutlich kürzere Genehmigungszeiten.
Zurückhaltender äußerte sich der Vertreter der Immobilienmakler (APIs) auf Ibiza, Zenón Helguera. Er erklärte laut der Tageszeitung, es sei grundsätzlich positiv, dass die Verwaltungen alle denkbaren Maßnahmen prüfen, um den Wohnungsmarkt zu entlasten. Ob ein Moratorium rechtlich überhaupt umsetzbar sei, ließ er offen. Helguera bezweifelte zudem, dass ein Baustopp die Verkaufspreise stark beeinflussen würde, da diese bereits sehr hoch seien. Sollten neue Wohnungen ausschließlich an Bewohner vergeben werden, müssten sich deren Preise jedoch an dem orientieren, was ein Resident tatsächlich zahlen kann.
Auch aus der Politik kamen unterschiedliche Reaktionen. Der Inselrat von VOX, Jaime Díaz de Entresotos, sprach sich für eine Liberalisierung von Bauland aus und lehnte eine Moratoriumsregelung ab. Diese würde seiner Ansicht nach die Preise weiter in die Höhe treiben. Stattdessen forderte er schnellere Genehmigungen, Entbürokratisierung sowie Hilfen für den Erwerb der ersten Wohnung.
Die Sozialisten auf Ibiza bezeichneten die Aussagen von Vicent Marí hingegen als inhaltsleer und widersprüchlich zu den bisherigen Maßnahmen seiner Partei. Die Sprecherin Elena López erklärte, eine solche Beschränkung sei nur dann zu begrüßen, wenn sie tatsächlich umgesetzt werde. Andernfalls handele es sich um opportunistische Rhetorik, der keine konkreten Taten folgten.















